|
DIE RHEINPFALZ - Nr. 271 vom 20.11.2008
Die Olympioniken von morgen
REPORTAGE: Er hat zweimal die Bronze-Medaille bei Leichtathtetik-Weltmeisterschaften im Speerwurf gewonnen und war Fünfter bei den Olympischen Spielen l996 in Atlanta: Boris Henry. Gestern war der 34-Jährige in der Realschule Schönenberg-Kübelberg auf Talentsuche.
VON SEBASTIAN STOLLHOF
Schönenberg-Kübelberg. ,,Die Knie nach vorne", ruft Boris Henry Joshua hinterher. Kaum ist der Schüler der Realschule Schönenberg-Kübelberg von seinem 20-Meter-Sprint wieder zurück an der Startlinie, erinnert ihn auch Sportlehrerin Ingeborg Rippel nochmal daran. ,,Ich weiß", sagt Joshua. Einsicht ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung.

Damit auch die anderen Schüler lernen, wie es richtig geht, macht es der ehemalige Weltklasse-Sportler und jetzige Speerwurf-Bundestrainer vor: keine Vorlage des Oberkörpers, Knie hoch und Armeinsatz nicht vergessen. So geht's - und manche Schüler zeigen, dass aus ihnen vielleicht auch einmal ein Leicht- athletik-Olympionike werden kann. So wie Boris Henry einer war. Oder Alexander Vieweg. Der 22-jährige Speerwerfer war in diesem Jahr bei den Olympischen Spielen in Peking. Henry ist der Trainer des Zwei- brückers Vieweg, der für den SV schlau.com Saar 05 Saarbrücken startet.
Zusammen mit Matthias De Zordo, einem weiteren Saarbrücker Speerwerfer aus Henrys Talentschmiede, sind die beiden in der Sporthalle des Schulzentrums auf Talentsuche. Den Speer haben die Leichtathleten aber in Saarbrücken gelassen. Speerwerfen in der Sporthalle geht nun einmal schlecht. Dafür dürfen die Schüler beim Sprint, Hochsprung, Standweitsprung und Werfen ihr Können unter Beweis stellen. Knapp 80 Nachwuchsathleten sind es, die sich Henry, Vieweg und De Zordo an diesem Morgen ansehen. ,,Sie gehören der Wahlpflichtfachgruppe Sport der neunten und zehnten Klassen an, sind in der Leichtathletik-AG, haben einfach Spaß an der Leichtathletik oder sind unserer Ansicht nach Talente", erklärt Rippel, wie es zur Auswahl der Schüler gekommen ist.
Jeder der Teilnehmer hat vorher ein Blatt erhalten, auf dem die Ergebnisse eingetragen werden. ,,lch schaue mir zu Hause alle Blätter an, werte diese aus und schreibe einen kurzen Kommentar dazu", sagt Henry. Er hofft, dass mit der Empfehlung eines ehemaligen Weltklasse-Leichtathleten so manche Eltern das Talent ihres Kindes fördern und dieses bei einem Leichtathletik- Verein anmelden. ,,Die Vereine klagen über Nachwuchsprobleme. Wenn die Talente nicht mehr in die Vereine kommen, dann müssen wir eben zu den Talenten", erzählt Henry. Und gerade in den Schulen gebe es einige davon. ,,Hier in Schönenberg- Kübelberg wird auch was für den Schulsport gemacht", findet Henry. Der Saarländer kennt das aus seinem Bundesland auch anders. Talente hat er an diesem Morgen sogar gesichtet: ,,Hier sind mehr als nur eines dabei", sagt er. Sportlehrerin Rippel freut das: ,,Die Kinder waren hoch motiviert, haben toll mitgemacht."
Joshua Arnold (neunte Klasse) und der Zehntklässler Marc Schmidt haben beim Hochsprung an der 1,70-Meter-Marke ge- kratzt. Die 13-Jährige Sina Mayer hat laut Rippel in mehreren Bereichen überzeugt. Vielleicht hat Henry sogar einen zukünf- tigen Speerwerfer gefunden. Wenn Tim Schirra den Heuler - ein Wurfgerät, das ausschaut wie ein kleiner Football mit einem Pfeil hinten dran - wirft, dann reicht die Länge der Sporthalle nicht aus.
,,Schade, dass hier nicht so viele Leichtathletik-Vereine in der Nähe sind", findet Rippel. ,,Sie müssen ja nicht nach Saar- brücken in meinen Verein. Wichtig ist, dass sie in einen Leichtathletik-Verein gehen” sagt Henry. Bei Tim gibt es da aber ein kleines Problem: Er spielt nämlich schon Handball. ,,Vielleicht kann er ja in der Spielpause Leichtathletik machen", hofft der Trainer.
So weit werfen wie Tim kann Nancy nicht. Sie ist ja auch erst in der fünften Klasse. 1,50 Meter im Standweitsprung sind aber nicht schlecht. An Talenten fehlt es in Schönenberg-Kübelberg nicht. Selbst wenn sie aktuell noch keine Lust auf Leicht- athletik haben. ”Meine Eltern haben mich auch immer wieder mit zur Leichtathletik geschleppt. Eigentlich wollte ich das gar nicht. Aber mit den ersten Erfolgen kommt auch der Spaß.” So war es bei Boris Henry - warum soll es nicht auch beim einen oder anderen Realschüler so sein?
|